Kreative Ideen für besseres Radfahren

Rückblick: In Berlin arbeiteten Fahrradenthusiast*innen vom 24. bis 26. Juni gemeinsam an Ideen, die das Fahrradfahren in der Stadt besser und sicherer machen.

Wie schnell lässt sich aus einer Idee etwas Greifbares machen, das in der Praxis getestet werden kann? Beim CycleHack Berlin hatten Fahrradenthusiast*innen 48 Stunden Zeit, um an Ideen zu arbeiten, die das Fahrradfahren in der Stadt besser und sicherer machen.

Nach dem Auftakt am Freitagabend mit kurzen Vorträgen und dem Vorstellen erster Ideen ging es am Samstagvormittag richtig zur Sache. Trotz des warmen Wetters waren rund zwei Dutzend Teilnehmer ins Fab Lab gekommen, um in Teams zusammenzuarbeiten. Bei den Hacks ging es um das automatische Zählen des Fahrradverkehrs, das Messen der Straßenqualität mit Erschütterungssensoren am Fahrrad und um Windunterstützung für Radler. Außerdem gab es Softwareprojekte rund um Daten zu Fahrradunfällen und um einen Chat-Bot, der Fahrrad-Fragen beantworten kann.

Zu schnell für den Hackday?

Ein Team war so schnell beim Testen und Umsetzen, dass die Mitglieder bei der Zwischenbilanz am Samstagabend auf die Frage nach bestehenden Herausforderungen und möglicher Hilfe anderer Anwesender nur mit “Eigentlich nichts” antworten konnten. Andere hatten noch einiges zu tun. Nach dem Abendessen am Grill setzten sich manche wieder an ihre Tische und tüftelten weiter an ihren Lösungen. Am Sonntagvormittag ging es früh um halb zehn los – die Arbeitstische des Fab Labs füllten sich erst allmählich. Vor dem Mittagessen fuhr Dirk vom Rüttel-Team mit einem Fahrrad durch die nähere Umgebung, um die Sensoren zu testen und Daten zu sammeln. Nach dem Mittagessen mussten die Teams sich ein bisschen beeilen, um rechtzeitig zur Präsentation fertig zu werden. Zahlreiche Gäste trafen ein und sahen sich an, was man im Fab Lab mit 3D-Druckern, Lasercutting oder Holz alles machen kann.

Sechs Teams blickten gegen 15.30 Uhr in erwartungsvolle Gesichter im Publikum. Als erstes stellte Stefan seine Analysen der Berliner Radunfallstatistik vor. Die Polizei erstellt jährlich eine umfangreiche PDF-Datei, die neben Auswertungen etwa zu Unfallzeitpunkten oder Verursachern eine große Liste sämtlicher Straßen und Straßenkreuzungen enthält. Für jede ist die Zahl der Unfälle angegeben – mehr leider nicht, obwohl diese Daten der Berliner Polizei durchaus vorliegen. Die Polizei beruft sich auf Datenschutz und ist auch nicht bereit, die Liste in einem Format bereitzustellen, mit dem eigene Analysen durchgeführt werden könnten. Stefan hat deswegen ein umfangreiches Skript erstellt, das automatisch das PDF einliest, in eine maschinenlesbare Datei umwandelt und mit den Berliner Straßen abgleicht. Am Ende bekommt man Dateien, die sich direkt in einem Kartenprogram wie etwa CartoDB einlesen lassen. Stefan musste viel Zeit mit den technischen Details verbringen, etwa der Tatsache, dass die Polizeibezirke Berlins sich im Lauf der Jahre verändert haben, und er deswegen seinen Code anpassen musste. Seine erste Analyse zeigte, dass die Zahl der Unfälle in den letzten Jahren steigt, wenn auch nicht drastisch. Einige Straßenzüge und Kreuzungen verzeichnen weniger Unfälle, andere hingegen mehr. Stefan will nun im nächsten Schritt überprüfen, wie weit solche Hotspots übereinstimmen mit den Ergebnissen der Fahrradsicherheitsbefragung des Senats aus dem Jahr 2015.

Als nächstes zeigten Christian und Matthias den “BerlinBikeBot”, der artig und charmant Fragen beantwortet – etwa nach dem Wohlbefinden oder ob man besser eine Regenjacke einpacken sollte. Bei einem solchen Projekt geht es darum, wiederkehrende Fragen einfach zu beantworten und an einer Stelle zu bündeln. Die beiden hatten unter anderem die Standorte von Call a Bike, Wetterdaten und den Kalender der Critical Mass Berlin in automatische Antworten umgesetzt. Weitere Informationen sollen folgen. In Zukunft wollen sie auch daran arbeiten, dass der Bot auch unorthodoxe Schreibweisen versteht.

Daten sammeln am Fahrrad

Das Team “Dekoboko” (Erschütterungsssensor) um Daniel, Gavin und Dirk zeigte, wie es mit einem kleinen Sensor begonnen hatte und Schritt für Schritt die Messergebnisse verbesserte. Am Ende stand eine Kunststoffplatte mit dem Sensor, die mit Kabelbindern an einen Fahrradrahmen montiert war und Ergebnisse an eine Handyapp liefert. Anhand der Daten ließ sich schon recht gut sehen, wo die Straßenqualität schlecht war (rote Punkte), und wo die Straße besonders glatt war. Das Team möchte nun etwa 20 Prototypen produzieren, um einerseits die Messungen weiter zu verbessern und andererseits durch die unterschiedlichen Fahrer Fehlschlüsse zu vermeiden. Denn wenn nur eine Person unterwegs wäre, könnte diese beispielsweise auch immer am Bordstein fahren und so die App denken lassen, dass alle Berliner Straßen rumpelig sind. ​

Mister Ligi stellte dann sein Projekt “SmartDynamo” vor, das anhand der Frequenzen am Nabendynamo funktioniert. Denn neben der Standardwerte wie Spannung und Stromstärke lässt sich anhand der Modulation auch erkennen, ob ein Fahrer abbremst oder sein Rad ausrollen lässt. Ligi hatte auch noch ein weiteres Projekt unterstützt, so dass er am Rechner sehen konnte, dass das Modell funktioniert. Dem Publikum konnte er aber noch kein blinkendes Rücklicht präsentieren.

Fabian und Björn hatten sich zum Team “Cycle Mass Counter” zusammengefunden, um einen einfachen Zähler für Fahrräder bei Großveranstaltungen wie der Sternfahrt oder der Critical Mass zu bauen. Sie verwendeten einen Silikonschlauch, der am einen Ende geschlossen und am anderen an einen Drucksensor angeschlossen ist. Wenn ein Fahrrad den Schlauch überfährt, ändert sich der Druck, und der Zähler registriert dies. Das konnte Fabian dem Publikum vorführen – er und seine Mitstreiter müssen nun noch daran arbeiten, dass mehrere gleichzeitige Fahrräder eindeutig erkannt werden.

Das Team “Windsaver” um Fridolin, Frank und Hans wollte sehen, ob sich mit Hilfe von Windblättern Strom vom Vorderrad eines Fahrrads gewinnen lässt. Die Grundidee dabei: Wenn ein Fahrrad ruht, könnte man mit Hilfe eines Nabendynamos und eines Mittelständers Windkraft nutzen, um Strom zu produzieren. E-Bikes und manches Fahrradzubehör benötigen inzwischen ständig Strom, weswegen immer mehr Fahrräder mit Akkus ausgestattet sind. Im Zuge ihrer Überlegungen kamen die Teammitglieder außerdem auf die Idee, ob sich Windkraft nicht auch beim Fahren nutzen ließe. Sie entwickelten am Modell von Windrädern Blätter aus Kunststoff, die sich einfach in die Speichen klippsen lassen. Die Kunststoffblätter werden aus einem Stück geschnitten und benötigen keine weiteren Materialien. Durch einen integrierten Federmechanismus stellen sie sich so auf, dass sie den jeweiligen Seitenwind optimal nutzen, bei Gegenwind sind sie neutral. Das Team “Windsaver” will nun testen, wie stark sich die Windblätter beim Radfahren auswirken.

Das Publikum ist die Jury

Das Publikum stimmte nun über die besten Projekte ab – während der Auszählung stellte Felix sein Halbrad vor, das im Wesentlichen aus einem Hinterrad und einem winzigen Vorderrad direkt unter der Kurbel besteht. Besucher und Teilnehmer probierten das Gefährt mit dem ungewöhnlichen Fahrgefühl begeistert aus – Einrad-Erfahrung hilft anscheinend beim Halbradfahren.

Am Ende wählte das Publikum Stefans Radunfall-Projekt zum Sieger, er bekam ein Ticket für die Konferenz “Tech Open Air” und ein Velo-Buch des Gestalten Verlags. Ebenrangig belegten “Dekoboko” und “Windsaver” den zweiten Platz, sie bekamen auch jeweils ein Velo-Buch.

Als Veranstalter freuen wir uns, in Berlin eine solche Gruppe zusammenbekommen zu haben und sagen Teilnehmern, Gästen und Sponsoren nochmal vielen Dank. Wir wollen die Community zusammenhalten und informieren alle Interessierten über unseren Newsletter, wann immer es ein Meetup oder eine Veranstaltung gibt!